Droht NFC ein Interoperabilitäts-Problem? – Gastartikel von Michael Hegenbarth

Kontaktlos-Chipkarten gemäß ISO/IEC 14443 sind mittlerweile milliardenfach im Einsatz und werden in sämtlichen namhaften Anwendungssektoren genutzt: Bezahlanwendungen, Ticketing, Telekommunikation, Gesundheitswesen, elektronische Ausweise. Zum Beispiel gibt es letztere als elektronische Pässe weltweit mit einer Stückzahl von über einer halben Milliarde, und in Deutschland als Neue Personalausweise mit nahezu 30 Millionen.

Ein Mobiltelefon hatte bis vor einigen Jahren kaum Relevanz hinsichtlich der Kombination von Karte und Kartenleser. Dies hat sich schlagartig geändert, als Mobiltelefone, bzw. deren intelligentere und funktionell umfangreichere Variante, die NFC-Smartphones, mit einer Kontaktlos-Schnittstelle versehen worden sind und nennenswerte Stückzahlen ab 2009 in den Markt gebracht werden.

Die realistische Einschätzung, dass irgendwann fast jeder ein NFC-Smartphone ebenso wie Schlüsselbund und Portemonnaie mit sich führen könnte, führt die Betreiber von Chipkarten-Anwendungen zu der Überlegung, dass ein Smartphone mit Kontaktlos-Schnittstelle sowohl als Kontaktlos-Chipkarte als auch als Kontaktlos-Kartenleser verwendet werden könnte. Im Falle der Rolle „Kartenleser“ hieße das, dass zum Beispiel Tickets per Bezahl-App einfach durch Anlegen einer Ticket-Chipkarte ans Smartphone aufgeladen werden können, oder in einem Online-Shop per Internetverbindung etwas bestellt werden kann, was einfach durch Anlegen einer Kreditkarte ans Smartphone bezahlt werden könnte. Unzählige weitere Szenarien könnten genannt werden.

Solchen Überlegungen mit immensem Marktpotential steht leider seit langem eine unangenehme Tatsache im Wege. Der milliardenfach in Chipkarten und Lesegeräten hergestellte und verwendete Kontaktlos-Standard ISO/IEC 14443 ist leider nicht kompatibel mit dem Kontaktlos-Standard NFC, dessen Basis-Technik im Wesentlichen durch ISO/IEC 18092 bestimmt wird. Beide Standards sind zwar technisch sehr ähnlich, was sich vorteilhaft darin auswirkt, dass sich NFC-Smartphones in der Rolle als Kontaktlos-Chipkarte nahezu problemlos einsetzen lassen.

Die Unterschiedlichkeit beider Standards führt leider aber den großen Nachteil mit sich, dass es regelrecht ein Glücksspiel ist, dass heutige NFC-Smartphones erfolgreich als Kartenleser benutzt werden können. Die jüngsten Kompatibilitätsmessungen bei Smartphones in den Sektoren eID und Electronic Ticketing führen leider zu einem nahezu vernichtenden Urteil, was deren Fähigkeit angeht, mit ISO/IEC 14443-konformen Chipkarten und Ausweisen zu kommunizieren.

Beim zunehmenden Marktbedarf für ISO/IEC 14443-kompatible NFC-Smartphones stellt sich für immer mehr Anwendungsbereiche die Frage: Ist ein Entkommen aus dem derzeitigen Dilemma möglich? Die Antwort kann hinsichtlich der eingesetzten und verfügbaren Technik, samt deren Standards, schlicht und einfach mit JA gegeben werden! Denn Lösungen sind möglich, werden aber nicht klar angestrebt. Im NFC-Bereich werden seit längerem Sektor-spezifische Anwendungsbereiche favorisiert, weniger aber ein generischer Ansatz.

Man könnte ein Smartphone mit einem Auto vergleichen. Ein Auto sollte allen zur Verfügung stehen und auf fast allen Straßen benutzbar sein. Gegenwärtige NFC-Smartphones sind bei diesem Vergleich nur Autos, die auf bestimmten Bundesstraßen fahren können, nicht aber auf Autobahnen und Landstraßen. Als nationale oder kommerziell abgeschirmte Insellösungen werden sich Anwendungen, die in den meisten Fällen auch globalen Interessen und Maßstäben genügen müssen, kaum weiterentwickeln oder erfolgreich durchsetzen lassen.

Wie lange es in dieser Gemengelage dauern wird, bis ISO/IEC 14443 konforme Chipkarten, eID-Dokumente, Tickets, etc. in Kombination mit Smartphones, PDAs oder Tablet-PCs in großem Maße nutzbar sein werden und für mehr mobile Sicherheit sorgen werden, bleibt abzuwarten. Dass sich NFC-Smartphones aufgrund ihrer einfachen, konfigurationsfreien Funktionsweise und in Kombination mit Chipkarten und Ausweisen mit ihrer weitgehenden Resistenz gegen Angreifer oder Schadprogramme für leistungsfähige eID- und Finanzsektor-Anwendungen anbieten, scheint dabei ebenso gewiss wie die Feststellung, dass in puncto Interoperabilität noch einiges zu tun bleibt.

Alles in allem haben NFC-Smartphones gute Chancen, sich mit dem milliardenfach im Einsatz befindlichen ISO/IEC 14443-konformen Produkten und deren Anwendungen zu koppeln und für eine Marktmultiplikation großen Ausmaßes im Bereich moderner und sicherer Kontaktlos-Anwendungen zu etablieren. Voraussetzung ist dabei, dass vor allem Smartphone-Hersteller auch wirklich eine Weiterentwicklung ihrer Produkte in Richtung ISO/IEC 14443-Kompatibilität – vor allem in deren Rolle als Kartenleser – anstreben und durchführen.

Eine auf alleinig das Smartphone begrenzte Sicherheitsarchitektur wird hinsichtlich ihrer Tragfähigkeit zunehmend angezweifelt. Nur eine Verknüpfung von Smartphones mit externen und unabhängigen Sicherheitsrepräsentanten wie elektronische Ausweise, Finanzsektor-bezogene Chipkarten, etc., über die jeder Bürger mittelfristig verfügen wird, wird die Ansprüche mobiler Sicherheitslösungen längerfristig befriedigen können und stellt eine der größten und wirtschaftlich interessantesten Herausforderungen des weltweiten IT-Markts dar.

NFC braucht Standards - Quelle: Flickr, Judit Klein, CC BY-ND 2.0

NFC braucht Standards – Quelle: Flickr, Judit Klein, CC BY-ND 2.0

Über den Autor: Michael Hegenbarth (XING), Jahrgang 1950, Senior Director of Standardization and Consulting in der Bundesdruckerei GmbH (www.bundesdruckerei.de), ist einer der Pioniere für die Entwicklung von Kommunikations-Sicherheitstechniken basierend auf der Nutzung von Chipkarten und digitalen Signaturtechniken. Er ist seit 1986 Vorsitzender und Delegierter in mehreren nationalen und internationalen Standardisierungsgremien in DIN, ISO/IEC, CEN and ETSI und ICAO, er leitet die für Kontaktlos-Chipkarten zuständige ISO/IEC Working Group JTC1 SC17/WG8 seit 1990, in der er das ISO/IEC 14443 Projekt in 1991 initiiert hatte. In 1997 erfand er die Idee, ein Mobiltelefon mit einer Kontaktlos-Schnittstelle zu kombinieren, die ab 2002 unter dem Namen NFC weitergetrieben worden ist.

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