Der Nutzen von NFC Mobile Wallets – Gastartikel von Dr. Danny Fundinger

Die Mobile Wallet ist eines der interessantesten und vielversprechendsten Anwendungsfelder für NFC-Technologie. Insbesondere dank der Google Wallet und dem derzeitigen Engagement nahezu aller namhaften Telekommunikations-Unternehmen weltweit (ISIS, Vodafone, Telefonica, Telekom, etc.) erhält das Konzept im Vergleich zu anderen NFC Anwendungen schon seit längerem eine vergleichsweise hohe mediale Aufmerksamkeit (1). Leider trägt diese Aufmerksamkeit nicht immer zum besseren Verständnis bei. Insbesondere, da Mobile Wallets immer noch oftmals mit Mobile Payments gleichgesetzt werden. Daraus ergibt sich dann sehr schnell die Argumentationskette, dass NFC-basiertes Mobile Payments mit einer Mobile Wallet nichts anderes ist, als die Bezahlung mit einer kontaktlosen Karte. So wird diese Argumentation z.B. auch von PayPal verfolgt (2):

„Is tapping a phone on a terminal any easier than swiping a credit card?“ he [David Marcus] asks. „I don’t think so – it’s not solving a real consumer problem and its not providing additional value to encourage me (or anyone else for that matter) to change my behavior.“

Darauf, dass diese Argumentation sicher nicht ganz uneigennützig ist, wurde in diesem Blog schon eingegangen. Aber zumindest im Kern stimmt das so ja auch. Bei der Bezahlung das Handy oder die Karte kontaktlos via NFC auf ein Terminal zu halten, anstatt die Karte in das Terminal zu schieben, ist nicht besonders spannend und bringt dem Kunden keinen echten Mehrwert. Auch die Schnelligkeit der Bezahlung mit NFC, ein beliebtes Argument der Kartenindustrie, wird wohl in den wenigsten Fällen Händler oder Kunden überzeugen. Die klassische Kartenzahlung ist für die meisten Anwendungssituationen einfach schon ausreichend effizient.

Trotzdem bietet eine Mobile Wallet für Anwender einen bedeutenden Mehrwert. Dieser ist aber nicht die kontaktlose Bezahlung, sondern die Ablösung der physischen Brieftasche, dieses uns allen nur zu gut bekannten speckigen Lederbündels, meist zum Zerbersten vollgestopft mit Münzen, Geldscheinen und Plastikkarten. Die zentrale Vision der Mobile Wallet ist es, den kompletten Inhalt der Brieftasche zu digitalisieren und auf ein Mobilgerät zu übertragen. Im ersten Schritt werden dies Kredit- und Debitkarten für die Bezahlung sein, da die Standardisierung, Infrastruktur und Marktreife für diese Anwendungen derzeit schon am Weitesten fortgeschritten sind. Aber in weiteren Ausbauschritten werden sukzessive auch all die anderen Plastikkarten folgen, die unsere Brieftasche bevölkern, wie z.B. der Führerschein, Personalausweis, Gesundheitskarte, Bahncard, Kinoticket, Fahrkarten, Bonuskarten und vieles mehr.

Und die Mobile Wallet hat sogar noch das Potential, einige weitere alltägliche Begleiter in unseren Hosentaschen abzulösen – nämlich Authentifizierungssysteme wie den Haustürschlüssel, den Autoschlüssel, und den Mitarbeiterausweis für den Firmenzutritt. Auch dafür bietet die Mobile Wallet einen digitalen und vor allem sicheren Ablageplatz. Im Gegensatz zu Brieftasche und Hosentasche, ist dieser Ablageplatz auf der Mobile Wallet auch nahezu unbegrenzt groß. Alle die Karten, die heute aus Platzgründen nicht immer mitgenommen und daher gar nicht erst genutzt werden, finden in einer Mobile Wallet bequem Platz, ohne den Anwender mit ihrer Anwesenheit zu stören.

Das Konzept des sogenannten Secure Elements stellt dabei, wie es der Name schon sagt, die technische Grundlage für die sichere Ablage der Daten. Vergleichbar mit einem digitalen Tresor, schützt es die ihm anvertrauten Daten durch die hohen Sicherheitsstandards moderner Smartcard Technologie. Sensible Daten werden im Secure Element schon auf Hardware-Ebene zuverlässig vom weniger gut geschützten Rest des Mobiltelefons abgekapselt und für potentielle Angreifer unzugänglich aufbewahrt. Dabei hält der Anwender seine sensiblen, persönlichen Daten buchstäblich selbst in der Hand. Ein entscheidendes Sicherheitsmerkmal, das bei alternativen, rein cloud-basierten Lösungen so nicht zur Verfügung steht.

Die Vision der Mobile Wallet geht also weit über den Anwendungsfall Bezahlung hinaus, und ist nicht mit dem von Unternehmen wie PayPal als Alternative propagierten cloud-basierten Bezahltechnologien oder den auf die Ablage von Bezahlverfahren und Loyalty/Couponing-Lösungen beschränkten E-Wallets vergleichbar. Das Nutzenversprechen ist nicht die Digitalisierung eines einzigen, sondern aller heutzutage für verschiedenste Anwendungsfälle eingesetzten Plastikkarten und Authentifizierungslösungen.

Sicherlich könnte auch für einige dieser weiteren Anwendungsfälle ein cloud-basierter Ansatz eine Alternative oder sinnvolle Ergänzung sein. Doch nur die Mobile Wallet ermöglicht die Kartenemulation via NFC zur Wieder- und Weiterverwendung der bestehenden Karten-basierten Infrastruktur. Die im Vergleich zur Cloud auch deutlich sicherere Ablage der Daten in einem Secure Element ist für die in der Brieftasche enthaltenen sehr persönlichen und mit einem oftmals hohen Wert verbundenen Gegenstände auch unbedingt vorzuziehen. Wer würde denn schon freiwillig den persönlichen Authentifizierungsschlüssel für den Zugriff auf das eigene Auto in der Cloud ablegen wollen?

Der Nutzen der Mobile Wallet erschließt sich also erst dann, wenn man sich von dem gewöhnlich zitierten Anwendungsfall Bezahlung löst, und die Wallet als das begreift was sie als Ganzes sein kann – der digitale Nachfolger der physischen Brieftasche. Der Weg dahin wird sicher noch einiges an Anstrengungen benötigen. Und die Anwendungsszenarien werden sich in der nahen Zukunft auch erstmal auf die Bezahlung fokussieren. Doch das wird sich ändern, und dann wird auch das große Versprechen der Mobile Wallet immer näher rücken – dass wir künftig nur noch einen Gegenstand in unseren Taschen haben, wenn wir das Haus verlassen. Nämlich das Smartphone mit der Mobile Wallet.

Links: (1) The Year Ahead for NFC: Commercial Launches at Hand (2) PayPal forecasts an NFC-free revolution on the high street

NFC Mobile Wallets, weit mehr als Bezahlung - Quelle: Flickr, Tom Hirt, CC BY 2.0

NFC Mobile Wallets, weit mehr als Bezahlung – Quelle: Flickr, Tom Hirt, CC BY 2.0

Über den Autor: Dr. Danny Fundinger (XING) ist als Managing Consultant bei IBM Global Business Services (www.ibm.de) in München tätig. Seine Hauptaufgabengebiete umfassen den Ausbau des Mobile Payments und Wallet Portfolios der IBM sowie internationale Beratungstätigkeiten in den Bereichen Strategieentwicklung, Geschäftsprozesse und IT für Kunden in den Branchen Banking, Telekommunikation, Logistik und Handel. Eine Sammlung verschiedener Blog Posts von Dr. Fundinger finden Sie unter www.mobile-payments-blog.de

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2 Antworten zu “Der Nutzen von NFC Mobile Wallets – Gastartikel von Dr. Danny Fundinger

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