NFC als Bezahlstandard in Deutschland – Gastartikel von Jörg Abrolat

Die Frage nach einem Standard für das Bezahlen mit dem Handy führt heutzutage zwangsläufig auch über die NFC Technologie. Unzählige Anwendungen basierend auf QR-Codes, mobilen Akzeptanzgeräten bzw. Dongles, aber auch die Kombination von Remote Payments und Proximity Payments in gemeinsame Payment-Anwendungen geben viel Diskussions- und Spekulationsgrundlage für die Vorhersage, welche Technologien sich letztendlich durchsetzen werden.

Beachtlich ist bei dieser Diskussion, dass die zugrunde liegenden Technologien ja nicht mehr ganz neu sind. Erste Formen der NFC Basistechnologie RFID kamen bereits im Zweiten Weltkrieg zur Freund-Feind Erkennung zum Einsatz. In den 90ern erlebten sie durch entsprechende erste Hochfrequenzpatente den Startschuss für den industriellen und kommerziellen Einsatz, während die NFC durch die Gründung des NFC-Forums auch hinreichend standardisiert und weiterentwickelt wurde. Der Weg zu ersten NFC Payment-Anwendungen war dann gar nicht mehr so weit und wurde insbesondere durch die beiden Kreditkartenunternehmen MasterCard und Visa in den Folgejahren maßgeblich gefördert. Überhaupt ähneln bzw. gleichen sich die kontaktlosen Zahlverfahren der beiden großen Kreditkartenunternehmen sehr, denn sie setzen auf den gleichen Standards auf, die auf Basis des offenen Standard ISO/IEC 14443 ein- und umgesetzt wurden. Schon damals wurden große Kunden wie McDonalds vom Einsatz der kontaktlosen Zahlung überzeugt.

Das erste große Kreditkartenportfolio in Deutschland, welches komplett NFC-fähig ausgegeben wird, ist seit Ende 2007 die Lufthansa Miles & More MasterCard Kreditkarte und war auf der Debit-Seite 2009 die Payback Maestro Karte. Allerdings blieb die Bereitschaft auf Seite des Handels lange aus, in entsprechende Kasseninfrastruktur zu investieren und somit lebten die wenigen NFC-fähigen Karten in Deutschland, anders als im Ausland, lange ein Schattendasein. Erst mit der Diskussion um Mobile Payment und der Installation von Wallet und Kartendaten auf dem Handy öffnete sich auch der Handel in Deutschland. Erste große Ketten wie die Star Tankstellen, ARAL oder Vapiano bekannten sich zur NFC Technologie und somit zum Mobile Payment.

Nun ist das Jahr 2013 noch jung, aber erste Leuchtturmanwendungen sind am Horizont zu erkennen. So startet derzeit Telefonica als erstes Unternehmen in Deutschland die eigene Wallet und zeigt darin die erste Over-the-Air provisionierte Karte in Deutschland. Laut Ankündigungen der anderen Mobilfunkunternehmen werden die dortigen Wallets ebenfalls in diesem Jahr lanciert. Diese oder auch die Nachrichten der Sparkassen bzw. Volks- und Raiffeisenbanken bzgl. der NFC-Fähigkeit der deutschen Debit-Karten sind genau die Signale, die der Handel benötigt, um Investitionen mit einer bestimmten Planungssicherheit vorzunehmen. Bleibt zu hoffen, dass der deutsche Markt nicht im Gebührendschungel erstickt, denn bei aller positiven Entwicklung der innovativen Lösungen am Markt, haben doch alle Angebote ein Makel: innovative Gebührenmodelle sucht man vergeblich.

Sowohl auf der kartenherausgebenden Seite als auch bei den Acquirern wird weiterhin wie bisher abgerechnet und das nicht zu knapp. Während sich beispielsweise seit Jahren um Basispunkteunterschiede zwischen Girocard und Maestro bzw. V PAY gestritten wird, berechnen Payleven und Co. satte 2,75% Disagio. Aber auch die Geschäftsmodelle rund um die Kartendaten auf der SIM-Karte stehen auf der Kippe. Durch Regulierung und Wettbewerb kaum noch vorhandene Deckungsbeiträge der Banken werden durch diese neuen Instanzen in der Wertschöpfungskette auf die Probe gestellt. Ganz zum Nutzen von PayPal und Apple, die mit hauseigenen Mitteln und den größten Kundenpools der Welt längst den E-Commerce Hangar verlassen haben und sich auf dem Rollfeld befinden, bereit, den stationären Handel im Steilflug zu erobern.

Am Ende des Tages werden sich Karten- und Terminallandschaft verändern und das Handy wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Die NFC-Technologie hat dabei in bestimmten Bereichen sicherlich große Vorteile. Ein NFC-fähiges Telefon kann sowohl als Sender, als auch als Empfänger betrieben werden und NFC-Anwendungen lassen sich miteinander ohne Medienbruch kombinieren. Fahrkarten, Stadiontickets, Kundenkarten, Zugangskarten, Ausweisdokumente und letztendlich auch Payment-Anwendungen werden zusammen den Nutzen für den Konsumenten bringen, der ausreichend Motivation darstellt, die neuen Anwendungen auch zu nutzen. Payment allein wird das sicherlich nicht können.

NFC, Zukunft des stationären Einzelhandels - Quelle: Flickr, Wimox, CC BY-SA 2.0

NFC, Zukunft des stationären Einzelhandels – Quelle: Flickr, Wimox, CC BY-SA 2.0

Über den Autor: Jörg Abrolat (XING) arbeitet seit 2005 in der Kartenbranche des bargeldlosen Zahlungsverkehrs und war bis 2012 u.a. für den Bereich New Business Development für das Unternehmen MasterCard Worldwide in Deutschland tätig. Vorher arbeitete er über zehn Jahre in den Bereichen Business Development, Produktentwicklung und Standortentwicklung in verschiedenen Managementfunktionen. Schon in den Jahren 1999 und 2000 entwickelte er als Geschäftsführer der COM.BOX in Berlin gemeinsam Banken B2B- und B2C- Produkte für den Onlinezahlungsverkehr im Internet. Heute ist Jörg Abrolat Managing Director der vicp visioning consulting & production (www.vicp.de) in Berlin. Die vicp bietet Beratungsleistungen und Produktentwicklungen in den Bereichen kartengestützte Zahlverfahren und Mobile Payment.

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